„Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heilung ist unter ihren Flügeln.“ Mal 3,20
Ein wunderschönes Bild, auch wenn es nicht auf Anhieb unbedingt verständlich ist. Aber das ist ja bei Bildern des öfteren der Fall. Und weil wir es nicht verstehen ignorieren wir es. Das geht uns so bei moderner Kunst, von der wir uns schnell abwenden, allein weil wir nicht erkennen, was abgebildet ist, weil es uns fremd ist. Ist es beim Lesen der Bibel nicht manches Mal ähnlich? Dabei kann uns diese bildhafte Sprache des orientalisch geprägten Judentums ganz neue Zugänge zum Wesen Gottes öffnen, wenn wir uns als ‚vernünftige’ Westeuropäer mal darauf einlassen. Diese Bilder der Bibel werden uns ja nicht um ihrer selbst Willen vor Augen gemalt, sondern unser einzigartiger Gott, der kreativste aller Künstler, spricht durch sie zu uns. Er will, dass wir uns durch sie berühren und zu seiner Erkenntnis führen lassen. Gefühle und Vernunft sind in der Bibel keine Gegensätze, sondern sie ergänzen sich, damit Gottes Vielfalt auch in unserem Leben wirksam wird. Ich denke, es ist kein Zufall, dass Gott sich in eben dieser ‚märchenhaften’ (man beachte bitte die Anführungszeichen!) hebräischen Sprache und in dem von der Logik geprägten Griechisch des Neuen Testaments uns Menschen offenbart hat.
Dieser Vers, den uns Gott durch seinen Prophet Maleachi zuspricht, ist solch ein Bild, das in seiner ganzen logischen Unverständlichkeit (Flügel der Sonne unter denen Heilung ist?) uns eine Atmosphäre der Geborgenheit und Freiheit vor Augen malen kann. Diese aufgehende Sonne steht dem „... aber“ gegenüber mit dem dieser Vers beginnt. Hinter diesem ‚aber’ steckt all das, was der verheißenen Gerechtigkeit und Heilung widerspricht. All die Ungerechtigkeit, all die Not, all das Leid, die Krankheit und der Tod. All das, was ja auch vor der christlichen Gemeinde, dem Volk Gottes nicht halt macht. Wir sind Teil davon, ja wir tragen an all dem auch unsere Schuld.
Doch über diesem dunklen ‚aber’ der Nacht geht einmal die Sonne für die Menschen seiner Gemeinde auf! Das sagt Gott uns zu. Denn Gott will seine Menschen, die er geschaffen hat und die er liebt, nicht der Not und der Ungerechtigkeit überlassen.
Diese Verheißung Gottes hat begonnen Wirklichkeit zu werden: „Ich bin das Licht der Welt“, sagt Jesus im Johannesevangelium. Jetzt an Weihnachten feiern wir ihn ja wieder: den Sieg des Lichtes über die Finsternis. Das findet Ausdruck in den vielen Lichtern, die unsere Stadt und unsere Wohnungen in dieser dunklen, kalten Jahreszeit erleuchten. In ihnen spiegelt sich doch die uralte Sehnsucht des Menschen nach wahrer Geborgenheit und Wärme. Auch wenn eine Wachskerze oder ein von Hunderten kleinen Lichtern erleuchteter Balkon da nur kümmerliche Hilfsmittel sind, so können wir uns durch sie daran erinnern lassen und andere daran erinnern, dass Gott eingegriffen hat - heilend eingegriffen hat. In Jesus Christus hat Gott uns Heilung zukommen lassen. Heilung für all die Wunden unseres Lebens: die Wunden die wir erhalten und die, die wir anderen zufügen. Das, was in unserem Leben kaputt und zerbrochen ist, wird durch die Kraft der Vergebung Jesu nicht nur behelfsmäßig wieder zusammengeflickt, sondern von Grund auf erneuert. Das Licht, das der Welt in Jesus aufgegangen ist, befreit uns von den Zwängen und Abhängigkeiten die uns gefangen halten. Abhängigkeit von Anerkennung, von eigener Macht, von materieller Sicherheit, von Gesundheit und Wohlergehen, vom Wohlstand, von finanzieller Sicherheit und was da noch alles aufzuzählen wäre.
Das sind doch alles Dinge, von denen wir meinen ihnen hinterher rennen zu müssen, die uns immer wieder schuldig werden lassen und die unser Leben stressen.
Dagegen spricht Gott sein ‚aber’. „Euch aber...“, die ihr Gott vertraut, verspricht er Gerechtigkeit, Heilung und Freiheit. Hier auf der Erde bruchstückhaft, mehr ahnend als erfahrend, aber einmal vollkommen, dann wenn Jesus endgültig wiederkommt.
Und da wird die Freude dann übermäßig, ausgelassen und unbändig sein. Dann „...sollt ihr herausgehen und springen wie die Mastkälber.“ Zugegeben, für unsere evangelikal-pietistisch geprägte Frömmigkeit eine etwas ungewohnte Vorstellung (man stelle sich das einmal im Gottesdienst vor!). Aber wieder so ein eindrückliches, Bild mit dem uns Gott beschenken will: „Raus aus dem muffigen, niedrigen Stall, in dem wir gebunden die Tage an uns vorüberziehen ließen, hinaus in die Sonnendurchflutete Weite einer grünen saftigen Wiese.“
Gott segne Sie,
Ihr Jörg Weise Prediger der Landeskirchlichen
Gemeinschaft Bad Vilbel