Sommerzeit, Urlaubszeit, ‚Fernwehzeit’. Zeit des Fernwehs, das kennen viele Menschen auch in einem anderen Zusammenhang: Fernweh, nicht nach fremden Ländern, nach unbekannten Städten, sondern im Gegenteil, Fernweh nach Heimat, nach Geborgenheit.

Ist hier der Begriff „Heimweh“ nicht viel angebrachter? Ich denke nicht, denn ich beobachte immer wieder, dass uns unser Zuhause, unser Daheim oft so fern, so sehr weit weg vorkommt, dass es uns fast unerreichbar scheint.

Und dann versuchen die Menschen sich ihre Geborgenheit eben herbei zu holen. Sie bauen sich ein Zuhause. Manchmal im wahrsten Sinne des Wortes: sie fangen an zu bauen. Ich habe das bereits mehr als einmal in unserem Bekanntenkreis mitbekommen. Da leben Menschen recht glücklich zusammen und kaum ist das lang erträumte und erarbeitete Haus fertig, folgt oft die Unzufriedenheit, der Streit und nicht selten auch die Trennung. Sie sind enttäuscht, denn ihre Erwartungen in ihre selbst gebaute Heimat, in der sie es sich so richtig heimelig eingerichtet hatten, haben sich nicht erfüllt. Und das Fernweh meldet sich wieder. Sie ahnen, dass es so etwas wie Geborgenheit und Heimat für sie gibt, doch sie wissen einfach nicht, wo sie suchen sollen und jagen jeder Möglichkeit hinterher, die ihnen ein wenig Erfüllung vorgaukelt. Jeder Möglichkeit? Die nächstliegendste wird dabei oft einfach übersehen, wahrscheinlich gerade darum, weil sie so nahe liegt und weil sie so banal und wenig spektakulär wirkt: Sie übersehen Gott. Der Gott, der alles um uns herum geschaffen hat. Wir sehen und erleben ihn tagtäglich, denn wir, seine Geschöpfe, leben mitten in seiner Schöpfung. Und so kann der Apostel Paulus, wie in der Apostelgeschichte im Kapitel 17, Vers 27 berichtet wird, sagen:

Keinem von uns ist Gott fern.

Dieser uns so nahe Gott ist der einzige, der all unsere Sehnsüchte wirklich stillen kann. Gott will unsere Sehnsüchte stillen, denn er will, dass wir als seine Geschöpfe ein erfülltes Leben leben. Ein Leben, so wie er es sich gedacht hat. Darum ist er uns, die wir uns von ihm abgewendet haben, nahe gekommen. So nahe, wie Gott einem Menschen überhaupt nur nahe kommen kann: Gott ist in Jesus Christus selbst Mensch geworden.
Und er überwandt das, was uns von unserer wahren Heimat fernhielt: unsere uns von Gott trennende Schuld. Er schaffte dies, indem er als Mensch für unsere Schuld büßte, den Tod am Kreuz starb und als Gott von diesem Tod wieder auferstand. Mit diesem uns so nahe gekommenen Gott werden dann auch wir, die wir im Glauben an diesen in Jesus nahen Gott leben, auch auferstehen zum ewigen Leben und in unser wahres, endgültiges Zuhause einziehen können. Das Wissen um dieses Zuhause ist es, das uns bereits hier auf der Erde Geborgenheit und Heimat schenkt. So soll es sein und es ist doch oftmals anders. Auch als Menschen, die an Jesus Christus glauben, kennen viele dieses Gefühl des Fernwehs. Sie wissen um ihre Heimat, aber sie scheint ihnen oft so fern zu sein. Der Himmel, der uns verheißen ist, ist der für uns nicht manchmal so unendlich weit weg? Beinah unerreichbar? Alles um uns herum scheint uns näher, greifbarer zu sein als Gott. Und wir schauen in die Ferne um ihn zu entdecken. Wir fokussieren unseren Blick auf weit weg liegende Wünsche und Vorstellungen, wie Gott sein müsste und wo er zu sein hätte. Oder wir haben es uns in unseren - auch geistlichen - vier Wänden so richtig heimelig eingerichtet und lassen dabei keine Veränderung zu, die diese gebastelte Geborgenheit gefährden könnte. Und nach einer Zeit wundern wir uns, dass wir Gott so wenig erfahren und dass er uns immer ferner erscheint.

In beiden Fällen übersehen wir dabei meist das, was direkt vor unseren Füssen liegt. Das, was keiner großen Anstrengung bedarf, um es zu entdecken, lediglich einem Herunterbeugen. Wir übersehen schnell den Menschen, der uns begegnet, die Gemeinde, die Gott uns schenkt und die in all ihrer Unvollkommenheit sein Reich hier auf der Erde ist. Wir übersehen das Leben, das Gott in all seiner Vielfalt und auch in seiner fortschreitenden Veränderung geschaffen hat. Wir übersehen schnell die alltägliche, einfache Aufgabe, die Gott für uns bereit hat und mit der er uns Erfüllung schenken will und mit der er den Menschen, auch durch uns, seine Nähe offensichtlich machen will.

Keinem ist Gott fern.
Keinem, auch Ihnen nicht!

Ihr

Jörg Weise Prediger der Landeskirchlichen
Gemeinschaft Bad Vilbel