Theater bei uns

Wie würden wir reagieren, wenn Jesus ankündigen würde, für einige Zeit unsere Gemeinde zu besuchen? Würden wir nicht auch unser fähigstes Organisationstalent damit beauftragen? Würden wir nicht auch auf tolle Predigten und Lehrveranstaltungen hoffen? Oder dass endlich alle Grundsatzfragen geklärt würden?

So geht es auch dem Schotten William aus einer kleinen Gemeinde im Süden Englands in dem Theaterstück „Der Besuch“. Er versucht, den Aufenthalt des Kirchengründers nach bestem Wissen und Gewissen zu organisieren. Gottesdienste, Pressetermine, Zeiten mit der Gemeinde. Dumm nur, dass der Besuch sich offensichtlich nicht gern an diese Zeitpläne hält. Dauernd kommt er zu spät, weil er länger betet, sich um einen Bettler kümmert, sich mit einem kleinen Mädchen aus zerrütteten Verhältnissen anfreundet. Ja, den Termin mit Presseleuten und Abgesandten verschiedener Gemeinden, in dem endlich mal entscheidende Fragen der Menschheit geklärt werden sollten, den sagt der Gründer einfach ab! Unmöglich! William ist dieser Sohn Gottes einfach zu menschlich. Andererseits findet er offenbar immer die richtigen Worte und Gesten für Leute, die seine Hilfe brauchen. Über die Ablehnung, auf
die er aber auch in der Stadt stößt, ist der Gründer sehr traurig. William ist trotzdem ziemlich verzweifelt, weil seine Bemühungen so gar nicht ernst genommen werden. So gibt er sich immer öfter seiner heimlichen Leidenschaft, dem schottischen Whisky, hin. Als er in betrunkenem Zustand dann angeblich die junge Klavierspielerin der Gemeinde sexuell belästigt, steckt William in einer handfesten Krise. Sein ganzes Leben ist in Frage gestellt, sein Glaube wankt. Und ausgerechnet jetzt ist der Gründer unauffindbar!

Wie dann alles doch noch ein hoff-nungsvolles Ende nimmt, konnten die Zuschauer am 03. Mai in unserer Gemeinde erleben. Dargestellt vom „Theater zum Einsteigen“, das von Ewald Landgraf (der den William sehr überzeugend spielte) geleitet wird. Die übrigen Akteure waren Laienschauspieler aus der Evan-gelischen Gemeinschaft Frankfurt. Auch ihnen war der Spaß an der Sache, natürlich mit dem erforder-lichen Ernst, deutlich anzumerken.

Mir hat das Stück sehr gut gefallen, es war teilweise sehr, sehr lustig, aber es regte auch zum Nach-denken an. Wie stelle ich mir Jesus vor? Was kann und muss ich, gerade im Umgang mit Anderen, noch von ihm lernen? Wie sieht es mit meinem Glauben aus, wenn nicht alles perfekt funktioniert?Anja See