Die Tage werden länger, die ersten Vögel üben sich wieder im Zwitschern, die Schneeglöckchen blinzeln schon mal ein wenig hervor und schauen, was draußen so los ist, und auch ich mache mir so langsam Gedanken, wie wir in diesem Jahr den Balkon bepflanzen sollen: wir erwarten den Frühling.

Frühling: Zeit des Aufbruchs, des Neubeginns, des Wachsens des Vorwärtsschreitens. Und dann dieser Vers, den wir uns als Gemeinde am letzten Abend im Jahr 2004 als Jahreslosung gezogen haben:

Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne. Psalm 4, 9

Das klingt so richtig gemütlich. Das klingt nach warmer Stube, nach kuscheligem Bett und Entspannung. Das klingt eher nach Winterschlaf als nach Frühlingserwachen. Doch der ist damit nicht gemeint. Zu der Zeit, als David diesen Psalm schrieb, hatte er alles andere als ein ruhiges Leben: verraten durch den eigenen Sohn und vor ihm auf der Flucht, einsam, verhöhnt, ungewiss, was die Zukunft bringen wird (nachzulesen in der Bibel, 2.Sam 11-19). Und doch kann er sein Gebet mit dieser Gewissheit beenden:

Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne. Psalm 4, 9

Er weiß sich bei Gott geborgen. Er weiß, dass Gott ihm die nötige Ruhe für diese schwierigen Zeiten schenkt. Er weiß es, weil Gott es ihm zugesagt hat.

Auch wir wissen, dass wir bei Gott geborgen sind. Auch wir wissen, dass Gott uns Frieden schenkt. Geborgenheit und Frieden, die wir zwar hier in unserem Alltag nicht immer so erleben, wie wir uns das wünschen würden, aber Geborgenheit und Frieden darin, dass wir wissen: der Sinn unseres Lebens ist nicht mehr davon abhängig, ob es uns gut oder schlecht ergeht. Wie David wissen wir, es gibt eine höhere Macht, es gibt den einen Gott, dem nichts außer Kontrolle gerät, auch wenn es uns manches Mal so erscheint.

Frieden inmitten einer friedlosen Zeit, Geborgenheit inmitten sorgenvoller Schlaf- und Rastlosigkeit, er ist möglich! Das wissen wir, weil Gott es uns versprochen hat. Gott hat uns in Jesus Christus die Gewissheit geschenkt, dass wir in diesem vollkommenen Frieden einmal leben dürfen. Und aus dieser Zusage heraus erleben wir ihn auch bereits im Hier und Jetzt, mal mehr mal weniger intensiv, aber immer präsent. Uns Christen geht’s im Großen und Ganzen doch gut.
Und nun? Decke über den Kopf ziehen, einkuscheln und in Frieden weiterschlafen und vom Himmel träumen, der auf uns wartet? Oder... Oder den anderen Menschen, die von diesem Frieden, die von dieser sicheren Wohnung bei Gott nichts wissen, davon erzählen.

Viele sagen: »Wer wird uns Gutes sehen lassen?« Psalm 4, 7

So sprechen doch viele Menschen. Sie sind im Unfrieden der Welt, im Getriebensein ihres Alltags, in der Heimatlosigkeit ihrer Sehnsüchte, auf der Suche nach dem Einen, das ihrem Leben Sinn und Halt gibt. Sie ahnen, dass es dieses Eine geben muss, wissen aber bei all den verlockenden Angeboten, die ihnen offeriert werden, nicht, welches denn nun das Richtige ist.

David weiß es, und er behält es nicht für sich. Er erzählt den Menschen was es ist, das ihn in all seiner Not ruhig schlafen lässt. Nicht nur seinen besten Freunden erzählt David dies, nein, auch und gerade den Menschen, die ihn verfolgen. Denn David erkennt, dass es doch gerade die verzweifelte Suche nach dem Leben ist, die diese Menschen so in die Irre hat gehen lassen. Es gibt Momente in seinem Leben, da ist David Gott ganz nahe. Da konnte er seine Feinde mit dem liebevollen Blick der Vergebung ansehen. Nicht die Wut, nicht die Verzweiflung, nicht die Resignation über ihr Unverständnis regiert in solchen Augenblicken, sondern das Mitleiden und der Wunsch, dass auch sie sich von Gott und dem wahren Leben finden lassen. Dass auch sie erkennen, dass Gott der Herr ist, der sie hört, wenn sie zu ihm rufen, dem sie vertrauen können, wenn sie nicht mehr weiter wissen, dem sie alles bringen können, was sie belastet. David wünscht hier in diesem Psalm seinen Feinden keine schlaflose Nacht, sondern er bittet auch für sie um den Frieden, den er hat finden können.



Der Frühling naht, wir wissen, dass er kommt. Das Reich Gottes ist bereits unter uns und geht seiner Vollendung entgegen. Also: Raus aus den Federn, denn das müssen die Menschen doch gesagt bekomme, damit sie das Beste nicht verschlafen!

Ihr

Jörg Weise Prediger der Landeskirchlichen
Gemeinschaft Bad Vilbel