Seit einigen Wochen nun sitze ich immer wieder vor unserem Jahresplan 2006: Trage neue Termine ein, überlege zu-sammen mit der Gemeindeleitung, was in diesem Jahr zu tun ist und wie wir es tun wollen, versuche die verschiedenen Dinge, die anstehen, zu ordnen und zu organisieren. Und bei dieser Arbeit merke ich immer wieder: da kommt manch Neues auf uns als Gemeinde zu. Einiges verändert sich: der Gottesdienst, der nun an jedem Sonntag um zehn Uhr stattfindet, der damit neu eingeführte, regelmäßige Kindergottesdienst, die Kickoff-Evangelisation statt des gewohnten ProChrist, die Renovierung unseres Gemeindesaals... Wie geht es Ihnen, wie geht es euch im Gedanken an all dies? In mir erzeugt es eine gewisse Anspannung. Sicherlich, wir haben in der Gemeindeleitung um Gottes Führung bei den Entscheidungen gebetet, wir haben immer wieder das Für und Wider abgewogen, wir haben die Gemeinde befragt... aber wird das alles auch so funktionieren, wie wir uns das vorgestellt haben? Was ist, wenn sich die ein oder andere Entscheidung im Nachhinein als unbefriedigend, vielleicht sogar als falsch herausstellt? Kommen dann die Stimmen die sagen: „Ich hab’s ja gleich gesagt“? Und dann schweift mein Blick auf das Kärtchen, das über meinem Schreibtisch hängt: „Der Vater selbst hat euch lieb.“,steht dort draufgeschrieben. Es ist der Vers 27 aus dem Johannesevangelium, Kapitel 16, den wir uns als Gemeinde für 2006 als Jahreslosung gezogen haben. Ich habe immer wieder überlegt, in wie weit er unsere Gemeinde durch dieses Jahr begleiten kann und lange Zeit hatte ich keine richtige Antwort darauf. Doch inmitten all der eingangs erwähnten Überlegungen und Planungen schien es mir immer klarer zu werden: diese Zusage Jesu ist der Halt, nach dem ich mich in all dem, was zu tun ist, in all den anzugehenden Aufgaben, in den unweigerlich immer mal wieder aufkommenden Zweifeln und Bedenken so sehne.
Auch Jesus spricht seinen Jüngern diesen Satz in einer Situation zu, in der für diese vieles von dem, was kommen mag, im Ungewissen liegt. Wo vielleicht auch nicht alles so läuft, wie sie sich das vorgestellt hatten, in der sie auch Traurigkeit und Leid empfinden. Der Vers steht in den Reden Jesu, in denen er seine Jünger auf ihren weiteren Weg in seiner Nachfolge stärkt und mit denen er sie auf all das vorbereitet, was noch auf sie zukommt. Jesus stärkt sie auf ihrem Weg, der sie auch immer wieder durch Schuld, Unvermögen und Versagen führen wird – durch eigene Schuld und Versagen und durch Schuld und Versagen anderer Menschen. Jesus stärkt sie, indem er ihnen das Ziel vor Augen hält: die ewige Herrlichkeit beim Vater. Das Ziel, zu dem er ihnen den Weg frei gemacht hat. All das, was die Bibel Sünde nennt, steht nun nicht mehr zwischen ihnen und dem allmächtigen, heiligen und gerechten Gott. Jesus selbst hat diese Schuld beglichen, indem er die Strafe für sie auf sich genommen hat. In der Liebe des Vaters hat Gott uns durch Jesus vergeben. Die Vergebung ist geschehen, damals am Kreuz auf Golgatha. Sie ist lebendige Wirklichkeit geworden in der Auferstehung Jesu vom Tod.
Jesus stärkt seine Jünger, indem er ihnen immer wieder diese Liebe des Vaters in Worten und in Taten zuspricht und die Herrlichkeit Gottes bereits jetzt in ihrem Leben Realität werden lässt.
Sie können mit diesem Gott, der alles geschaffen hat, reden und sie erleben sein heilbringendes Eingreifen in ihr Leben.
„Der Vater selbst hat euch lieb.“
Das ist der Satz, der uns in seiner Einfachheit, die manch einem, sich erwachsen wähnenden Menschen, in seiner kindlichen Banalität anstößig erscheinen mag, durchs Leben tragen soll – auch uns als Gemeinde.
In der Gewissheit, dass nichts und niemand uns von dieser Liebe Gottes trennen kann, können wir im Vertrauen auf seine Führung zu dem versprochenen Ziel auch manch neue Schritte wagen, von denen wir noch nicht genau wissen, wo sie uns die nächsten Tage und Wochen hinführen werden. Und in der Gewissheit der geschehenen und immer wieder geschehenden Vergebung Gottes können auch wir selbst immer wieder vergeben und barmherzig mit möglichen Fehlschritten, den eignen und den der anderen, umgehen.
„Der Vater selbst hat euch lieb.“
Ich wende meinen Blick wieder ab von dem Vers, zurück auf meinen vor mir liegenden Jahresplan und: um einiges gelassener sehe ich in die Zukunft und ich freue mich auf die nächsten gemeinsamen Schritte auf unserem Weg zum Ziel.
Jörg Weise
Prediger der Landeskirchlichen
Gemeinschaft Bad Vilbel