Urlaub. Für die meisten ein Ereignis, das jetzt schon wieder ein paar Wochen zurück liegt. Wer mit dem Auto und kleinen Kindern unterwegs war oder sich daran zurückerinnert, wie das einmal war, als noch alle zehn Minuten die Fragen von den Rücksitzen nach vorne drangen, wann wir denn da seien, der wird das Spiel sicherlich kennen:
„Ich sehe was, was du nicht siehst.“
Man schaut im Auto herum, sucht sich einen Gegenstand aus, beschreibt ihn in einem Detail und die anderen müssen durch Nachfragen erraten um was es sich handelt.
„Ich sehe was, was du nicht siehst.“ Das hat auch Elisa zu seinem Diener gesagt, der, als er den frühmorgendlichen Ausblick in die Landschaft genießen wollte, vor Schreck erstarrt sein musste. Rings um die Stadt ein feindliches Heer, die seinen Herrn, den Propheten Elisa, holen wollen, weil der mit seiner Prophetie all die schlau ausgedachten Kriegslisten des
aramäischen Königs vereitelte. „Ach, was sollen wir tun?“ fragte er verzweifelt. Und Elisa antwortete: „Fürchte dich nicht. Auf unserer Seite sind so viel mehr.“ Und er betete zu Gott, dass er seinem Diener die Augen öffnen möge und plötzlich sah auch er sie: den ganzen Berg voll feuriger Pferde und Kriegswagen. So steht es im Alten Testament beschrieben, im 2. Buch der Könige im Kapitel 6.
„Ich sehe was, was du nicht siehst.“ So einen Elisa bräuchten wir doch manchmal. So einen von Gott berufenen Menschen, der uns hilft die Augen für die Wirklichkeit zu öffnen. Nicht für das, was wir täglich als Wirklichkeit erleben. Die sehen wir ja nur zu gut. Diesen Alltag, der uns mit dem, was wir sehen, nur allzu oft das Leben schwer macht. Die Probleme und Nöte der Gegenwart, meine eigenen Sorgen und Bedenken, sie sind doch so offensichtlich, dass es nichts anderes mehr zu geben scheint, jedenfalls nichts anderes, was genauso sichtbar dem entgegensteht.
Ja, wir wissen um unseren Glauben, wir wissen, dass es da noch eine andere Wirklichkeit gibt, die wir Gottes Wirklichkeit nennen. Doch sie scheint uns vielfach so weit weg, so nebulös und wenig greifbar, sie hat oft so wenig mit der knallharten Realität des Alltags zu tun. Eine andere Wirklichkeit? Kann es denn eine andere sein? Gibt es denn mehrere Wirklichkeiten? Das hieße, es gibt auch mehr als eine Wahrheit und dass das nicht stimmt, das wissen wir. Wahrheit gibt es nur eine, die eine Wahrheit des einen Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, die er uns in seinem Sohn Jesus endgültig offenbart hat. Die Wahrheit, dass Gott in Jesus Mensch wurde und so die gesamte Lebensschuld des Menschen selbst auf sich nehmen konnte. Die Macht des Bösen im Leben ist gebrochen, der Tod ist besiegt und kann uns keine Angst mehr machen. Das ewige, herrliche Reich Gottes ist angebrochen und geht seiner Vollendung entgegen. Wir leben als Menschen, die an Jesus glauben in dieser Wirklichkeit. Auch wenn uns rundherum alles etwas anderes vormachen will. Die Täuschung ist das, was die Mehrzahl der Menschen als Realität ansehen.
Es stimmt. In den seltensten Fällen sehen wir die Macht Gottes als feurige Engelsgewalten, wie es hier dem Diener des Elisa für kurze Zeit vergönnt war.
Wir schauen im Glauben. Und dieser Glaube hat etwas, worin sich Gottes Wirklichkeit zeigt und auf das wir sehen können: das Kreuz. So real wie das Kreuz, so real ist Leben, Tod, Auferstehung und Wiederkunft Jesu.
Dafür, dass wir diese eine Wirklichkeit sehen und dieses Erkennen unser Leben verändert, dafür sind wir uns gegenseitig unser Elisa.
Nicht, in dem wir dem Anderen, der unter den Bedrängnissen seines Lebens leidet, die Wirklichkeit und Macht von Gottes Reich einzureden versuchen, nicht, dass wir ihm vorhalten, dass er doch endlich auch das leben soll, was er glaubt, sondern indem wir es wie Elisa halten:
Und Elisa betete und sagte: HERR, öffne doch seine Augen, dass er sieht! Da öffnete der HERR die Augen des Dieners, und er sah. ... 2.Kön 6,17
Beten wir dafür, dass Gott unsere Augen öffnet und die der Menschen, die mit uns unterwegs sind.
Ihr
Jörg Weise Prediger der Landeskirchlichen
Gemeinschaft Bad Vilbel